Rachel Ruysch – Blumen in einer Glasvase

Ein Bild in der Bremer Kunsthalle – Rachel Ruysch – Blumen in einer Glasvase, 1686

Öl auf Leinwand, Geschenk von Carl Schünemann 2017

Blumen in einer Glasvase, 1686

Farbige Blüten sind in einer kostbaren schalenförmigen Glasvase in die Höhe zu einem Strauß arrangiert. Für die ca. zehn und mehr Blütenzweige erscheint sie sehr klein mit ihrem Fassungsvermögen. Vielmehr scheint sie nur die Stütze für das Arrangement zu bilden. Die orangen Blüten führen das Auge der Betrachtenden in die Höhe während die weißen und rosa Rosen mehr die Breite des Bouquets betonen. Bei genauer Betrachtung des dunklen Hintergrunds sind noch weitere Blätter zu entdecken, so dass das Gesteck ausladender ist, als es im ersten Moment erscheint.  Die Vase steht auf einem Marmortisch, auf dem eine dunkle glänzende Decke in Falten gelegt und zur Seite geschoben ist. Im Vordergrund ist an der Tischkante ein zweifarbiger heller Schmetterling mit vier Augen platziert. Er wirkt wie angeklebt und leuchtet aus der Dunkelheit hervor und erhält eine enorme Präsenz im unteren Teil der Komposition. Vielleicht ist es ein Lemon Pansy, wie er in Kambodscha und im südlichen Asien zu Hause ist. Inmitten der Blumen befindet sich ein weiterer Schmetterling. Vielleicht ein in der nördlichen Hemisphäre heimischer Admiral oder Nachtfalter. Der dunkle Hintergrund ist typisch für die Entstehungszeit. Er soll die Farben besonders hervorheben.

In den Traktaten des 17. Jahrhunderts ist genau beschrieben, wie ein Blumenstillleben aufgebaut sein soll.

Blüten und Blätter sollen Sonnenlicht und Schatten zeigen und sich in einer Vase oder Topf befinden. Das Licht soll von links oben einfallen. Die Blüten dürfen sich nicht beschatten und nicht überschneiden. Das verleiht Raumtiefe. Die Blumen werden nach der Natur gemalt und in Kombinationen, die zu verschiedenen Zeiten blühen. Diese Anforderungen sind im vorliegenden Bild alle erfüllt.

Die auf Blumenstillleben spezialisierte Künstlerin Ruysch (1664-1750) drückte echte Schmetterlingsflügel auf den präparierten Malgrund, so dass die Schuppen nach der Entfernung haften blieben. Diese Technik hat die in Delft bei Willem Van Aelst lernende Künstlerin nicht von ihrem Vater, dem Botaniker Frederik Ruysch entwickelt, sondern bei dem Kollegen Otto Marseus van Schrieck (1619/20 – 1678) kennen gelernt.  Auf dessen Landgut bei Amsterdam entwickelte dieser den Naturabdruck in seinen Waldbodenstillleben mit Pflanzen, Schmetterlingen usf.

Rachel Ruysch war eine außergewöhnliche und erfolgreiche Frau. Im Jahr 1664 in Den Haag als Tochter eines bekannten Anatomen und Botanikers geboren, lernte sie mit 15 Jahren bei Wilhelm van Aelst in Delft das Malerhandwerk. Sie blieb bis zu dessen Tod in seiner Werkstatt. Da war sie 19 Jahre alt. Mit ihrem Mann, dem Porträtmaler Jurian Pool (1666-1745), den Sie mit 29 Jahren heiratete, trat sie 1701 – im Alter von 37 Jahren, der Malergilde in Den Haag bei.

Eine Mitgliedschaft in einer Gilde war für Frauen im 17. Jahrhundert nicht grundsätzlich unmöglich. Wenn eine Frau ihre künstlerischen Fähigkeiten nachweisen konnte und die Aufnahmegebühren bezahlte, konnte sie aufgenommen werde.  Im 16. / 17. Jahrhundert hatten Frauen in den Niederlanden außergewöhnliche Freiheiten im Vergleich zu Frauen anderer europäischer Länder. Sie genossen mehr Rechte, hatten eine höhere Alphabetisierungsrate, Zugang zu Bildung und Musik und waren in der Öffentlichkeit stärker vertreten. Sie waren in der Gesellschaft  in der Überzahl, denn die Männer waren durch den florierenden Welthandel und den Dienst in der Seekriegsflotte nicht zu Hause oder starben früher. Viele Frauen mussten daher für ihre Familien sorgen. In diesem Umfeld ist es weniger verwunderlich, dass Rachel Ruysch beruflich Erfolg haben konnte.

Ihre Bilder waren sehr begehrt. Von 1708 bis 1716 ernannte sie Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz zur Hofmalerin in Düsseldorf.  Diese Position konnte sie von zu Hause ausfüllen, denn der Hauptsache mußte sie Kunstwerke für den Hof anfertigen. Das „Homeoffice“ war für sie sinnvoll und gut, denn sie hatte 10 Kinder, die sie selbst großzog. Als Vorlagen für ihre Kompositionen konnte sie die Botaniksammlung ihres Vaters nutzen. Eine weitere Besonderheit in ihrem Lebensweg war wirtschaftliche Unabhängigkeit durch den Gewinn des Hauptpreises der staatlichen Lotterie der Niederlande, als sie 59 Jahre alt war. Der Gewinn belief sich auf 75.000 Gulden, was zur damaligen Zeit einem Gegenwert von mehreren Amsterdamer Grachtenhäusern entsprach. Die wohlhabende Künstlerin arbeitete dennoch weiter und starb mit 86 Jahren in Amsterdam.

Stillleben und ihre Bedeutung

Stillleben sind eine Kunstgattung, auf die unbelebte oder reglose Gegenstände dargestellt sind. Die Objekte werden oft kunstvoll arrangiert und können sowohl eine ästhetische als auch eine symbolische Bedeutung haben, wie z.B. die Vergänglichkeit des Lebens (Vanitas) – ausgedrückt durch Schädel, Sanduhren oder Insekten, die Blumen und Früchte anfressen. Der Begriff „still leven“ leitet sich vom niederländischen ab und steht für unbewegtes Dasein. Auffällig sind die Insekten, die lebhaft in mehreren Bildern vorhanden sind. Die Bilder halten somit eine Situation fest und sind für mich nicht bewegungslos.

Die vielen Kunstgattungen der niederländischen Malerei haben sich aus den christlichen Bildern – meistens Altarbilder – herausgelöst. Die symbolische Botschaft der Bilder hat oft noch einen christlichen Kern. So auch der Schmetterling. Er ist ein starkes Symbol für die Auferstehung, Verwandlung und Neuanfang. Die Metamorphose von der kriechenden Raupe über den scheinbar leblosen Kokon bis zum wunderschönen Falter spiegelt den Lebenszyklus, den Tod und die Auferstehung Jesu Christi wider. Die zeitgenössischen holländischen Bewunderer des Bildes werden die Schönheit und Symbolik im Bild sicherlich noch verstanden haben.

Rachel Ruysch war „Hollands Kunstwunder“ und eine der erfolgreichsten und bestbezahlten Künstlerinnen ihrer Zeit. Sie malte auch nach dem Lottogewinn weiter. Ihre Bilder hängen in vielen Sammlungen und beeindrucken bis heute. In der Bremer Kunsthalle befindet sich ein Frühwerk von ihr.

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