Hoch oben über den Straßen der Stadt Wismar springt ein blauer Löwe mit freundlichen großen Augen aus einem Hausgiebel. Durch die weich wirkenden Vorderpfoten sieht er eher wie ein gutmütiges übergroßes Spielzeugtier und nicht wie ein Raubtier aus.
Der Löwe begrüßt die Gäste des Hotelkomplexes „Hanse House“ im dazugehörigen Nachbarhaus der Bohrstraße Nummer 12 und soll wohl nach Löwenmanier das Haus und die dazugehörigen Häuser links und rechts beschützen.
Mit seinen Luken und dem klassizistischen Giebel stammt das Haus mit dem Löwen in seinen Grundzügen noch aus dem Mittelalter. Bodenspeicher und Lastenkran machten es ursprünglich zu einem Speichergebäude und Wohnhaus. Betrieben wurde es mit seinem Nebengebäude als Malz- und Brauhaus sowie Lager der Ratsherren und Kaufleute. Im 18. Jahrhundert war hier ein Großschlachter und Gutsbesitzer ansässig. Die Anlage mit dem Hinterhof und einem Zugang in der Breiten Straße soll vor dem Zweiten Weltkrieg eine Pferdehandlung gewesen sein. Damals gehörte es Familie Karls, die in der DDR enteignet wurde. Das Haus hatte bereits zu dieser Zeit einen Löwen an der Stelle des Hebebaums am Giebel. Vor der politischen Wende wurde es lange als Werkstatt für den die Konsum-Betriebe genutzt. Nach Rückführung der Immobilie konnte es Jürgen Lenz aus Lübeck erwerben, der das Haus zusammen mit den Nebengebäuden in ein Hotel umgebaute. Im Jahre 2021 kam es zu einem erneuten Eigentümerwechsel und einer Kernsanierung mit Wiedereröffnung im Jahr 2024. Der private Investor hat sich dabei auch wieder um den Löwen gekümmert.
In den 90iger Jahren des letzten Jahrhunderts war der aus mehreren Teilen zusammengesetzte Löwe brüchig geworden und sollte ersetzt werden. Eigentümer und städtische Denkmalpflege arbeiteten zusammen und der Künstler und Bildhauer Hans Wilfried Scheibner (geb. 1944 in Zwenkau bei Leipzig) seit den 70er Jahren in Maßlow lebend, wurde für diese Arbeit gewonnen. Es ist eine seiner ersten Holzskulpturen in dieser Größe. Danach hat er mehrere große Skulpturen auf künstlerischen Symposien gearbeitet, die bei Ausstellungen und Veranstaltungen landauf landab gezeigt wurden.
Der stark verwitterte Hebebaum bzw. Ausleger für den Flaschenzug des ehemaligen Speichers Bohrstraße 12a wurde 1994/95 unter Wiederverwendung überlieferter Mähnenteile aus getriebenem Zinkblech neu geschaffen. Aus einem Stück Hartholz hat der Künstler zunächst mit der Kettensäge die Skulptur angelegt und dann mit dem Stemmeisen nachgearbeitet. Es entstand ein Löwenkopf mit einer Fassung aus Acrylfarben. Das Zinkblech der Mähne sollte die Skulptur vor dem Regen schützen. Die Farben Blau-Gelb wurden vom Künstler gewählt und bieten einen Bezug zur Schwedenzeit der Stadt. Die Anbringung erfolgte mit Hilfe eines Hub Steigers im Sommer. Die Löwenskulptur wurde hochgehievt und von beiden Seiten in der Giebelmauer befestigt.
Die Bohrstraße liegt in der historischen Altstadt von Wismar. Die Namensgebung für die Straßen nach ansässigen Familien ist eine gängige Praxis bei der Benennung. Die Bohrstraße hat ihren Namen von der Familie Boz, bzw. später Bote, die dort ansässig war.
Auch wenn die Baugeschichte des „Löwen-Hauses“ im Denkmalamt und Stadtarchiv nicht lückenlos zu rekonstruieren ist, erinnert der originelle und eigenwillig gestaltete Löwe an die Geschichte des Hauses und seine ehemalige Nutzung. Auch ohne diese Kenntnisse ist er ein beliebtes Fotomotiv bei den Touristen und wird in die Welthinaus getragen.
Weitere Tierfiguren – Hirsch, Ziege und Löwe – finden sich als Dekoration an Giebeln und Hausfassaden in Wismar. Jedoch ist der Löwe, anstelle eines einstigen Kranbalkens in unserer Stadt einmalig.
Foto: Nicole Hollatz
